AW: In Arbeit: Frauen und Krafttraining
Hi Marmor und kecks,
zunächst kurz zum Artikel und den 5. Abschnitt: hast Du (Marmor) in den BISP-Datenbanken die von mir erwähnte Studie gefunden?
@beide: Das sag ich jetzt als Dipl.-Math. mit Schwerpunkt Statistik und autodidaktischer Sportwissenschaftler: Ich finde Dein Vorgehen, Marmor, alles mit Studien belegen zu wollen und können und das auch zu tun lobenswert, da in den Spowi und insbesondere im BB mMn einfach zuviel argumentiert wird mit: "Ich hab das schon bei soo vielen gesehen.", "Meine Erfahrung zeigt ..." etc. Die Gefahr dabei ist die Verallgemeinerung dessen, was für einen selbst wirksam war auf alle anderen Trainierenden. Insofern tut es hier mMn massiv Not, Objektivität reinzubringen.
Auf der anderen Seite ist es aber auch so, daß jeder Mensch verschieden ist. Ich denke nur mal an die verschiedenen Körpertypen, Faserverteilung (FT, ST), Anzahl der Muskelfasern, Hormonhaushalt, Nervensystem, psychische Faktoren etc., die es mMn sehr schwer machen, entsprechende Objektivität zu erzeugen. Ein und dasselbe Training (gleiche Übungen, gleiche WH-Zahl, gleiche Pausen, gleiche Frequenz, gleiche Kadenz, gleiches Gewicht (in % 1RM bzw. xRM) etc.) kann bei zwei Menschen durchaus völlig verschiedene Resultate zeigen, wenn ihre "Systemeigenschaften" stark differieren.
Zudem: die ganze "Objektivität" stützt sich auf statistische Verfahren, die auf ein Studienkollektiv angewendet werden. Gearbeitet wird immer mit Mittelwerten und Standardabweichungen über das Kollektiv. Das Problem, gerade in den Spowi, ist dabei, daß das Kollektiv, wie eben angemerkt, höchst inhomogen sein kann und diese Inhomogenität bzw. der Grad der Homogenität bzw. Heterogenität in aller Regel bei keiner Studie erfaßt wird und daher auch i.d.R. keine Rolle spielt bei der Auswertung.
Und letztlich entsteht jede Studie aus einer Idee einer Hypothese. doch woher kommt diese Idee bzw. Hypothese? Normalerweise aus der eigenen Erfahrung oder aus eibnem "logischen Fragezeichen"/weißen Flecken, wenn man die Ergebnisse anderer Studien zusammensetzt und versucht, sie in ein widerspruchsfreies Modell zu gießen.
Insofern halte ich beide Eurer Standpunkte für wichtig. Denn aus Beobachtungen, wie kecks sie macht, sollten eigentlich eine Menge interessanter Arbeitshypothesen resultieren, die man in entprechenden Studien nachprüfen könnte/sollte. Was nicht funktioniert, ist, mittels eigener Erfahrung Studienergebnisse zu widerlegen, da auf verschiedenen Ebenen argumentiert wird. Außerdem ist eine solche "Diskussion" mMn sinnlos aufgrund der verschiedenen Ebenen. Vielmehr sollte eine Unstimmigkeit zu weiteren Studien bzw. Hypothesen führen, um sie ggf. ausräumen zu können.
Und als Letztes: Viele der sog. Studien mit den Schlüssen, die daraus gezogen werden, sind mMn äußerst zweifelhaft. So gibt es eine schöne Schmidtbleicher Studie zur Häufigkeit des Trainings. Ich verkürze es hier mal:
Es wurde das gleiche Training von 3 verschiedenen Gruppen 1-mal, 2-mal und 3-mal pro Woche durchgeführt. Des weiteren gab es eine Kontrollgruppe, die gar nicht trainiert hat.
Das Ergebnis, daß die Autoren darstellten, war, daß kein Training nichts bringt, 1 TE pro Woche signifikanten Muskelzuwachs brachte, 2 und 3 TE signifikant größeren Muskelzuwachs brachten als 0 bzw. 1 TE pro Woche, daß aber zwischen 2 und 3 TE pro Woche kein signifikanter Unterschied bestand in Bezug auf Muskelzuwachs, höchstens ein tendenzieller.
Schön und gut,
ABER:
- Bei der Studie wurde lediglich Bizepstraining durchgeführt.
- Die Veränderung der Muskelmasse wurde nur im Bizeps gemessen
- Das Trainingsvolumen (WH-Zahl) pro TE war in allen Gruppen gleich
Woher wollen die Autoren wissen, daß
- der größere Muskelzuwachs bei 2-3TE pro Woche an der höheren Frequenz lag und nicht am höheren Volumen pro Woche?
- diese Ergebnisse auch auf andere (größere/kleinere) Muskelgruppen übertragbar sind?
- diese Ergebnisse übertragbar sind, wenn man den ganzen Körper trainiert und nicht nur den Bizeps?
Studien und Interpretationen wie diese gibt es zuhauf (nicht nur) in den Spowi -- da wird argumentiert mit Wissenschaftlichkeit und wenn man auf die Studien mal genauer draufschaut, wage ich zu behaupten, findet man in jeder Studie etwas, was die gesamte Studie in Frage stellt.
Insofern:
- kecks Beobachtungen sollten eigentlich zu Studien führen
- Studien sollten vernünftig aufgebaut sein und vielleicht sollte man für den statistischen Aufbau und die statistische Auswertung mal Fachleute bemühen (und ich bezweifle, daß Nicht-Mathematiker in ihren 1 semestrigen "Statistikkursen" das nötige Wissen vermittelt wird ... vielmehr behaupte ich, daß jegliches mathematisches Grundlagenverständnis nicht vorhanden ist. Auch bei den entsprechenden nicht-mathematischen Professoren)
- Dann macht es Sinn, mittels Studien zu "streiten" bzw. zu diskutieren und zu versuchen, ein widerspruchsfreies Modell aufzubauen.
Besonders schwachsinnig ist es, wenn es Studien mit verschiedenen Ergebnissen gibt, und sich dann Lager bilden, die darüber streiten, wer denn jetzt Recht hat. Das was man daraus schließen kann, ist u.a.:
- daß die Studien nur scheinbar das Gleiche untersucht haben
- daß das Kollektiv anders zusammengesetzt war mit stark abweichenden Merkmalen/Eigenschaften
- die statistische Auswertung bei einer oder beiden Studien falsch war
So, Ende.
Grüße
Doc